Bunte Republik Neustadt
Thema: Dresdenblog | 3,429 views |Ein Strassenfest bewegt die Massen
Sie kennen die Loveparade und die PopKomm, doch so etwas wie die Bunte Republik Neustadt haben Sie noch nicht erlebt! Seit nunmehr 17 Jahren lockt das wohl alternativste Fest Deutschlands im Schnitt um die 150.000 Menschen in das Szeneviertel auf der nördlichen Elbseite in Dresden. Jedes Jahr aufs neue startet der Feiermarathon traditionell am dritten Juniwochenende und es herrscht Ausnahmezustand in der Neustadt. Doch auf welcher Idee basiert die Feier und wie muss man sie sich vorstellen?
Die Geschichte
Wir schreiben das Jahr 1990, es ist Sommer und wir befinden uns kurz vor der Währungsunion in Deutschland. Es herrscht Umbruchstimmung und in den links-alternativen Kreisen in Ostdeutschland erwartet man eine seltsam schnelle Herstellung der “Deutschen Einheit” und sieht den Kapitalismus Einzug erhalten. In einer Kneipe auf der Alaunstrasse entsteht die Idee für ein Gesellschaftsmodell, das sich von der schweren Zusammenkunft von DDR und BRD distanziert. Für den Zeitraum vom 22.Juni bis zum 24.Juni 1990 wird die “Bunte Republik Neustadt” ausgerufen und das beanspruchte Territorium wird markiert. Es regiert ein Monarch ohne Geschäftsbereich und seine Minister für Unkultur und viele andere unsinnige Bereiche. Die Währung ist die Neustadtmark, die in lokalen Wechselstuben für die Ost- und Westmark eingetauscht werden kann und auf der Flagge lächelt einen vor schwarz-rot-goldenem Hintergrund Mickey Maus an. Nur drei Jahre lang hielt sich dieser “Aufstand” mit politischen Inhalten. Ab 1993 gab es keinen offiziellen Veranstalter mehr. Was blieb, war aber der Wunsch nach dem alljährlichen und frohsinnigen Treiben in den Strassen der Dresdener Neustadt und man machte die Bunte Republik Neustadt zum Stadtteilfest. In den Folgejahren wurde es zum Leitbild der Feier, dass scheinbar jeder ansässige Laden sein eigenes Programm bot und so seinen Beitrag zum vielseitigen Gesamtbild der BRN leistete.
Viele Eindrücke
Auch nach 17 Jahren scheint es der Kommerz nicht geschafft zu haben die BRN für sich zu gewinnen. Die vielen Privatinitiativen prägen das Bild und machen alles so einzigartig. Während der eine Laden eine kleine Bühne vor der Tür aufgebaut hat und eine unbekannte aber dafür umso engagiertere Band ihr Bestes gibt, legt im benachbarten Hinterhof ein Hobby-DJ seine partyträchtigsten Platten auf. Hier schnell ein Langos, da noch eine Dose Bier und dann lässt man sich von den Massen weitertragen. Getränke aus Flaschen wird man hier übrigens nicht finden und mitbringen darf man sie seit einigen Jahren auch nicht mehr. 2001 und 2002 machte die BRN leider mit gewalttätigen Ausschreitungen Schlagzeilen. Die linke und die rechte Szene nutzen das neue Spielfeld für dumme Spielereien, sodass man heute an jeder Ecke auch den ein oder anderen Polizisten entdeckt. Die Stadt ist trotz massiver Polizeipräsenz aber um Unauffälligkeit und deeskalierende Massnahmen bemüht. Wer jetzt also noch in Partylaune ist, der bleibt vor einem der vielen geöffneten und mit Boxen zugestellten Fenstern stehen und tanzt einfach auf der Strasse mit. Multikulturell scheint das Obermotto. Und für jeden Geschmack ist etwas zu finden - gefällt einem die Musik nicht, dann geht man eben 20 Meter weiter und lässt sich aufs Neue überraschen. Einen Bühnenplan werden Sie übrigens vergeblich suchen, noch werden Sie Ihn brauchen. Man muss dieses Fest eben auf gut Glück erkunden und wird dafür mit faszinierenden Eindrücken belohnt.
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