Deutsche bekommt Cannabis aus der Apotheke
Thema: Feuilleton | 2,373 views |
Die erste Deutsche, die die Droge auf Rezept erhält
Weil eine 51-Jährige unter der unheilbaren Nervenkrankheit Multiple Sklerose leidet und kein Mittel bisher gewirkt hat gegen ihre Schmerzen, hat die Bundesopiumstelle eine bisher einmalige Ausnahme gemacht. Um so weit zu kommen, müssen selbst schwer Erkrankte eine Genehmigungsodysee durchwandern. Betroffene kritisieren eine zu strenge Handhabung in Deutschland, die Wissenschaft warnt vor unbekannten Langzeitfolgen.
Nichts hat geholfen
Claudia H., die seit 14 Jahren unter ihrer schweren Erkrankung leidet hat bis zum heutigen Tage eigentlich alle Medikamente ausprobiert, die bei der Behandlung von MS zur Anwendung kommen können. Auch ein synthetischer Cannabis-Wirkstoff, der als einziger von deutschen √É‚Äûrzten verschrieben werden darf, hat keine Wirkung gezeigt. Gegen die unerträglichen Schmerzen und vor Allem die Krämpfe und Spastiken in der Nacht hatte nur eines geholfen. Auf inoffiziellem Weg hat sich die Baden-Württembergerin Cannabis besorgt, nachdem sie von dieser Therapievariante gelesen hatte. Nach dem Konsum eines Tees hat sie das erste Mal wieder eine Nacht ohne Schmerzen und Spastiken durchgeschlafen. Ganze eineinhalb Jahre wurde ihr Antrag bearbeitet, denn bis 2005 hat die Bundesopiumstelle Anträge auf Legalisierung des Mittels, das auf der Liste der Betäubungsmittel steht, auch von Schwerkranken pauschal abgelehnt.
Öffentliches Interesse
Bis 2005 wahrte die Bundesopiumstelle das öffentliche Interesse, indem es die verbotene Droge nur in Ausnahmefällen für medizinische und wissenschaftliche Studien zuliess. Das Bundesverwaltungsgericht entschied aber, dass auch die Gesundheit es Einzelnen dem öffentlichen Interesse unterliege und somit sei von der Bundesopiumstelle jeder einzelne Antrag genauestens zu bearbeiten. Keine pauschalen Ablehnungen mehr. Anschliessend stellte Claudia H. ihren Antrag, der ihr den Erwerb von Cannabis aus der Apotheke mit Vorlage des Rezeptes erlauben solle. Seit diesem August ist sie nun die erste Deutsche, die hierzulande die Droge völlig legal erhält. Die Rahmenbedingungen dafür sind, dass sowohl sie als auch die Apotheke den Wirkstoff, der aus standardisiertem Cannbis-Extrakt besteht, in einem Panzerschrank aufbewahrt, um gegen Diebstahl gesichert zu sein.
Viele andere warten auch
Schon seit Jahren haben MS-Betroffene, Krebspatienten und andere Schwerkranke auf diese Wende gehofft, jedoch ist und bleibt der Prozess dieser Ausnahmeregelungen langwierig. Auch nicht direkt selber betroffene kritisieren den Umgang in Deutschland mit legalen und illegalen Drogen. Wie könne ein in anderen Ländern anerkanntes Schmerzmittel als solches hier verboten sein, während Alkohol und Nikotin weiterhin vollkommen legal sind? Es ist ganz sicher eine alte und recht einfache Argumentation aber immerhin ist die schmerzlindernde Wirkung von Cannabis, Marihuana und Haschisch erprobt und erwiesen. Aus der Wissenschaft kommen warnende Stimmen, die auf die unbekannten Folgen von Langzeitkonsum von Cannabis hinweisen. Die Wirkungen auf den Körper sind weithin schlecht erforscht und müssten zu aller erst abgewägt werden gegen den wirklichen Nutzen. Dass Dauerkonsumenten häufiger unter Psychosen leiden, gilt aber wiederum als erwiesen. Diese mögliche Nebenwirkung nimmt Claudia H. aber bei Vergleich mit den sonstigen Leiden gerne hin. Es bleibt abzuwarten, wie sich die Bundesopiumstelle bei weiteren Anträgen verhält, denn ganz sicher haben auch viele andere einen langen Weg mit spärlich wirkenden Medikamenten hinter sich.
Leave a Reply