Die besten Regisseure aller Zeiten: Stanley Kubrick
Thema: Kinoblog | 12,555 views |Kaum ein Regisseur kontrollierte so sehr die gesamte Produktion seiner Filme wie Stanley Kubrick
Obwohl er lediglich 13 Filme drehte, gilt das Werk des eigenartigen Regisseurs zu den grössten der Filmgeschichte. Die letzten 8 Werke des zurückgezogen in London, fernab von Hollywood lebenden und arbeitenden Kubrick wurden vom Drehbuch über den Dreh bis hin zum Schnitt und zur Nachbearbeitung von ihm selbst gemacht oder zumindest strengstens kontrolliert. Diese Filme waren alle von ihm höchstpersönlich geplant und haargenau nach seinem Willen realisiert worden, er liess sich von niemandem in seine Arbeit reinreden. Kaum ein anderer Regisseur steckt so sehr in seinen Filmen drin wie Stanley Kubrick. Der als Regisseur und Drehbuchautor insgesamt neunmal für den Academy Award (Oscar) nominierte Kubrick gewann diese Auszeichnung zwar nie, gilt heute trotzdem als einer der grössten Regisseure aller Zeiten.
Fotografie und Kurzdokumentationen
Stanley Kubrick wurde am 26. Juli 1928 in der New Yorker Bronx als Sohn eines Chirurgen geboren. Seine Mutter war Österreicherin und auch sein Vater hatte Österreichische und rumänische Wurzeln. Nach dem Wunsch seiner Eltern sollte Kubrick wie sein Vater Arzt werden, doch die schulischen Leistungen liessen schon früh erahnen, dass er nicht dafür geschaffen war. Vielmehr begeisterte sich schon der 13 jährige Stanley für die Fotografie und bekam daher von seinem Vater eine Graflex-Kamera geschenkt. Mit 17 Jahren verkaufte er auch tatsächlich seine erste Fotografie für 25 Dollar an das Look-Magazin, ein Jahr später wurde er an gleicher Stelle fest angestellt und arbeitete die nächsten fünf Jahre als Fotograf. Durch seine Fotoreihen investigativer Berichterstattung bekam er die Idee eine Kurzdokumentation zu drehen. ‘Day of the fight’ erzählt in 16 Minuten die Geschichte des Boxers Walter Cartier, kostete Kubrick 3.900 Dollar, er verkaufte sie schliesslich für 4.000. Zwei weitere Kurzdokumentationen, ‘Flying Padre’ und sein erster Farbfilm ‘The Seafarers’, brachten zwar auch nicht den erhofften finanziellen Erfolg, aber Kubrick knüpfte erste Kontakte zur Filmbranche und drehte schliesslich auch 1953 mit 25 Jahren seinen ersten Spielfilm.
Hollywood-Filme
Trotz erster geknüpfter Kontakte musste der noch weitestgehend unbekannte Stanley Kubrick seine ersten beiden Spielfilme zu grossen Teil aus der eigenen Tasche finanzieren. ‘Fear and Desire’ (1953) und ‘Killer’s Kiss’ (1955) waren jedoch seine Eintrittskarte nach Hollywood, denn Produzenten wurden auf ihn und auf seine Arbeit aufmerksam, übertrugen ihm die Regie für einen klassischen Film noir. Anders als dessen deutscher Titel ‘Die Rechnung ging nicht auf’ (1956, Originaltitel: The Killing) schien die Rechnung für Stanley Kubrick sehr wohl auf zu gehen. Ganz Hollywood lobte ihn für seine schon früh erkennbare Handschrift, die auch in ‘Wege zum Ruhm’ (1957, O: Paths of Glory) wieder zu finden war: Lange Einstellungen, auch viele Naheinstellungen um die Emotionalität der Gesichtsausdrücke seiner Darsteller einzufangen. Viele Kritiker verglichen auch den Spannungsbogen in Filmen des passionierten Schachspielers Kubrick mit dem einer Schachpartie. Der endgültige Durchbruch gelang Stanley Kubrick, als Kirk Douglas, sein Hauptdarsteller aus ‘Wege zum Ruhm’ ihn anflehte die Regie für den Monumentalepos ‘Spartacus’ (1960, gleicher Titel im Original) zu übernehmen, da der eigentliche Regisseur, Anthony Mann, nach wenigen Drehtagen wegen Differenzen mit den Produzenten bereits entlassen worden war. Wieder waren alle begeistert von Kubricks Arbeit - alle, ausser ihm selber. Kubrick fasste den Entschluss nie wieder einen Film zu drehen ohne am Drehbuch mitgeschrieben zu haben und die Produktionsbedingungen entscheidend mitgestalten zu können. Er verliess Hollywood und liess sich für den Rest des Lebens in London nieder.
Frühe Kubrick-Filme
Auf seinem Anwesen Childwickbury Manor richtete sich Kubrick Studio- und Schnitträume ein und verliess den Rest seines Lebens (auch wegen seiner Fulgangst) London nur selten. Alle ab diesem Zeitpunkt gedrehten Filme waren sogenannte Kubrick-Filme, Perfektionist Stanley Kubrick wählte den (oft sehr anstössigen Stoff) aus, schrieb das Drehbuch alleine oder arbeitete daran mit, drehte, schnitt - er machte und überwachte im Prinzip jeden einzelnen Arbeitsschritt minutiös. Der erste dieser Filme war ‘Lolita’ (1962, O: Lolita) nach der gleichnamigen umstrittenen Romanvorlage von Vladimir Nabokov - Kubrick und Nabokov arbeiteten gemeinsam ein Drehbuch aus, das einen Film ermöglichen sollte, der nicht direkt (wie das Buch) auf dem Index landet und verboten wird. Auch bei der Wahl des Stoffes für seinen nächsten Film wählte Kubrick das Risiko, indem er den Kalten Krieg in ‘Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben’ (1964, O: Dr. Strangelove or: How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb) als absurde Komödie inszenierte. ‘2001: Odyssee im Weltraum’ (1968, O: 2001: A Space Odyssey) war Vorreiter im Bereich der Special effects und gewann dafür auch in dieser Kategorie den Academy Award (Oscar). ‘Uhrwerk Orange’ (1971: Clockwork Orange) schliesslich behandelt in einer Zukunftsvision das Thema der Gewaltanwendung und -bekämpfung auf äusserst kontroverse Art und Weise.
Späte Kubrick-Filme
In den letzten 28 Jahren seines Lebens entstanden nur 4 weitere Kubrick-Filme, was einerseits auf seine perfektionistische Art zurückzuführen ist, andererseits aber auch darauf, dass viele Projekte Kubricks zwar fast bis ins Detail geplant, aber nicht durchgeführt wurden - die Liste der nicht realisierten Projekte ist länger als die seiner tatsächlich produzierten Filme. ‘Barry Lyndon’ (1975, O: Barry Lyndon) fällt bei Kubricks Fimen am meisten aus der Reihe und war auch sein grösster (kommerzieller) Misserfolg. Die Massen liessen sich für das interessante Unternehmen die barocke Malerei und Musik so authentisch wie möglich zu präsentieren nicht begeistern.1980 folgte der Film ‘Shining’ nach gleichnamiger Romanvorlage von Stephen King. Fans des Buches waren enttäuscht von den vielen Abweichungen und Freiheiten, die sich Kubrick genommen hatte, und auch der Autor selber soll das Kubrick-Werk als schlechteste Verfilmung eines seiner Bücher bezeichnet haben. Ganze sieben Jahre dauerte es bis Kubrick sein nächstes Meisterwerk fertig stellte, ‘Full Metal Jacket’ (1987), eine genial inszenierte Vietnam-Kritik, für viele der beste Anti-Kriegs-Film aller Zeiten. Sein letztes Werk schliesslich liess weitere 12 (!!!) Jahre auf sich warten und war erneut sehr provokant. ‘Eyes Wide Shut’ (1999) erzählt eine Geschichte von Erotik, Sex, Eifersucht und einer geheimen Organisation, die Arbeit für die Darsteller dauerte allein über drei Jahre. Als wenn Kubrick seine Zeit für gekommen gesehen hätte, verstarb er zwei Tage nach Fertigstellung des Films an einem Herzinfarkt während des Schlafs, am 07. März 1999 auf seinem Londoner Anwesen.
Wissenswertes und Kurioses über Stanley Kubrick
# 1: ‘Kubrick, Nixon und der Mann im Mond’
So lautet der deutsche Titel des 2002 in Frankreich produzierten Dokumentar-Films ‘Operation lune’, der weltweit für Gesprächsstoff sorgte. Er berichtete über eine Verschwörung des CIA, das 1969 für den Fall einer missglückten Mondlandung von Stanley Kubrick Bilder der Mondlandung im Studio hatte vorproduzieren lassen um sich vor den Augen der Welt nicht zu blamieren. Stanley Kubricks zurückgezogenes Leben wurde mit der Angst vor einem CIA-Attentat begründet und auch weitere ‘Beweise’ für sein Mitwirken wurden genannt. Durch den glaubhaften Zusammenschnitt von Originalinterviewmaterial wollten die Macher zeigen wie der heutige Journalismus sich die Wahrheit teilsweise zurechtlegen kann. Erst im Abspann wurde klargestellt, dass es sich lediglich um eine ‘Mockumentary’, eine Dokumentationssatire, handelte - zu spät für einige, das Gerücht um Stanley Kubricks Verwicklung in die gefälschte Mondlandung hielt sich noch Jahre später.
# 2: Perfektionist
Ein Beispiel für das Ausmass von Kubricks Perfektionismus lieferte er bei den Dreharbeiten zu ‘Shining’. Der Regisseur weigerte sich für die Szene mit den 300 Blättern, auf denen immer wieder der gleiche Satz geschrieben steht, Kopien zu verwenden, mehrere Leute mussten sich somit ans Schreiben begeben und die 300 Blätter einzeln vollschreiben, obwohl bei weitem nicht so viele in der Szene tatsächlich auch zu sehen sind.
# 3: Flugangst
Stanley Kubrick war bekannt für seine Flugangst, doch nur wenige wissen, dass der Regisseur im Alter von 19 einen Pilotenschein machte! Ein Pilot mit Flugangst - seltsame Kombination…
# 4: Ehe
Nach zwei missglückten Kurzehen blieb Kubrick ab 1957 mit seiner deutschen Frau Susanne Christiane, deren Tochter aus erster Ehe, sowie den zwei gemeinsamen Kindern für den Rest seines Lebens zusammen. Die Schauspielerin beendete mit der Heirat ihr Leinwandkarriere, steuerte aber als Malerin Gemälde zu Kubricks Werken ‘Clockwork Orange’ und ‘Eyes Wide Shut’ bei.
# 5: Peter Sellers
Stanley Kubrick wollte Peter Sellers eigentlich zu vier (!!!) Rollen in seinem Film ‘Dr. Seltsam’ überreden - am Ende wurden es aber dann ‘nur’ 3.
# 6: Nicht realisierte Filmprojekte
Unter der langen Liste der nicht realisierten, aber angedachten oder sogar bis ins Detail durchgeplanten Projekte Kubricks finden sich ‘Das Parfum’ (2006 von Tom Tykwer realisiert), Artificial Intelligence (2001 von Steven Spielberg verwirklicht) und ein kurz vor Realisierung gescheiterter Napolen-Film sind die namhaftesten Projekte.
# 7: Academy Awards (Oscars)
Kubrick selber blieb der Gewinn der Trophäe verwehrt, doch auch seine Filme schnitten nicht sonderlich erfolgreich ab. Trotz mehrfacher Nominierungen, gewannen lediglich ‘2001: A Space Odyssey’ (1 Award), sein von ihm selber ungeliebter Film ‘Spartacus’ und der Kassen-Flop ‘Barry Lyndon’ (je 4 Awards) den Oscar.
# 8: Lebenswerk
Die Directors Guild of America verlieh Stanley Kubrick 1997 den ‘D.W. Griffith Award for Lifetime Achievement’, die grösste persönliche Ehrung für Kubrick.
# 9: Dschungel, nein danke!
Wegen seiner Flugangst und aus Kontrollgründen wurde der Vietnam-Film ‘Full Metal Jacket’ nicht an Originalschauplätzen, sondern auf einem alten Militärflughafen in der Nähe von London gedreht.
# 10: Steven Spielberg
Steven Spielberg ist bekennender Kubrick-Fan. Über sein Vorbild sagte der Erfolgsregisseur einmal: “Er schuf mehr als nur Filme. Was er uns schenkte sind ganzheitliche Erfahrungen, die nicht schwächer, sondern intensiver werden, je öfter man seine Filme betrachtet.”
Filmographie
Die Rechnung ging nicht auf (1956, O: The Killing)
Wege zum Ruhm (1957, O: Path of Glory)
Spartacus (1960)
Lolita (1962)
Dr. Seltsam oder wie ich lernte, die Bombe zu lieben (1964, O: Dr. Strangelove or: How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb)
2001: Odyssee im Weltraum (1968, O: A Space Odyssey)
Uhrwerk Orange (1971, O: Clockwork Orange)
Barry Lyndon (1975)
Shining (1980)
Full Metal Jacket (1987)
Eyes Wide Shut (1999)
Bisher wurden in unserer Reihe “Die besten Regisseure aller Zeiten” vorgstellt:
Ingmar Bergman
A tribute to Stanley Kubrick
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